
Genau in dieser Situation beantragt der OOWV, die mögliche Grundwasserentnahme am Wasserwerk Sandelermöns von bisher zehn auf bis zu 13 Millionen Kubikmeter im Jahr zu erhöhen. Die Grünen in Friesland wollen die zusätzliche Förderung nicht grundsätzlich verhindern. Sie fordern aber, aus der Entscheidung Konsequenzen für den künftigen Umgang mit Wasser in der gesamten Region zu ziehen.
„Wir werden den Menschen nicht erzählen, dass wir weniger Trinkwasser fördern wollen, wenn wir gleichzeitig mehr Wasser brauchen. Aber wir dürfen auch nicht so tun, als könnten wir jeden zusätzlichen Bedarf einfach mit immer mehr Grundwasser beantworten“, sagt Martina Esser, Vorsitzende der Grünen Kreistagsfraktion Friesland. „Sandelermöns ist deshalb für uns mehr als ein einzelnes Genehmigungsverfahren. Wir brauchen eine Wasserstrategie für Friesland. Wie viel brauchen wir wirklich, wo können wir Wasser sparen, wo können wir es mehrfach nutzen? Und wie schaffen wir Reserven für die Zeiten, in denen es wirklich knapp wird?“
Das vorliegende FFH-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass eine Förderung von bis zu 13 Millionen Kubikmetern jährlich die Erhaltungsziele des Schutzgebietes „Upjever und Sumpfmoor Dose“ nicht erheblich beeinträchtigt. Grundlage dafür sind unter anderem hydrogeologische Untersuchungen, nach denen mächtige Tonschichten den oberflächennahen Grundwasserhaushalt weitgehend vom tieferen Entnahmehorizont trennen. Für die Grünen ist das eine wichtige fachliche Grundlage, aber kein Freibrief.
„Upjever liegt direkt vor unserer Haustür. Deshalb möchte ich nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren feststellen, dass sich etwas verändert hat, was wir heute hätten erkennen können“, sagt Oliver de Neidels, Vorsitzender der Grünen Ratsfraktion in Jever. „Wenn mehr gefördert wird, müssen wir auch genauer hinschauen. Wir wollen ein dauerhaftes und transparentes Monitoring der Grundwasserstände und der Entwicklung des Waldes. Und wenn sich die Voraussetzungen verändern, muss auch die Förderung angepasst werden können.“
Auch in Schortens ist die Diskussion unmittelbar vor Ort spürbar. Für Wolfgang Ottens, Vorsitzender der Grünen Ratsfraktion Schortens, gehört deshalb eine zweite Frage zwingend dazu, nämlich ob eigentlich jeder zusätzliche Wasserbedarf mit Trinkwasser gedeckt werden muss? „Trinkwasser ist unser hochwertigstes Wasser. Es ergibt keinen Sinn, es selbstverständlich auch dort einzusetzen, wo diese Qualität überhaupt nicht benötigt wird“, sagt Ottens. „Industrie und Gewerbe werden künftig Wasser brauchen und da gerade auch neue Technologien. Deshalb müssen Brauchwasser, gereinigtes Abwasser und geschlossene Wasserkreisläufe viel stärker Teil unserer Infrastruktur werden. Nicht jeder zusätzliche Wasserbedarf muss zusätzlicher Grundwasserbedarf sein.“
Die Grünen wollen außerdem stärker hinterfragen, wie Wasser in der Region bewirtschaftet wird. Noch immer wird in niederschlagsreichen Zeiten viel Wasser über Gräben, Siele und Gewässer möglichst schnell in Richtung Nordsee abgeführt. Gleichzeitig fehlt dieses Wasser wenige Monate später in trockenen Sommern. Wasserrückhalt, Wiedervernässung, Speicherung und Versickerung müssten deshalb künftig genauso selbstverständlich zur Infrastruktur gehören wie Brunnen und Leitungen.
„Genau diesen Kurswechsel haben wir gerade auf Landesebene eingeleitet“, sagt die friesländische Landtagsabgeordnete Sina Beckmann. „Mit dem neuen Niedersächsischen Wassergesetz haben wir im Juni die Regeln an eine Realität angepasst, in der wir zeitweise zu viel und zeitweise zu wenig Wasser haben. Und mit dem Masterplan Wasser verfolgt das Land einen klaren Grundsatz. Denn wir wollen Wasser nicht möglichst schnell ableiten, sondern stärker in der Landschaft halten.“
Beckmann verweist darauf, dass der Konflikt längst nicht mehr theoretisch ist: „Bei Hitze brauchen gleichzeitig die Landwirtschaft, Haushalte, Wirtschaft und Natur mehr Wasser. Und das, während weniger Grundwasser neu gebildet wird. Deshalb müssen wir jetzt vorsorgen, bevor irgendwann darüber entschieden werden muss, wer noch Wasser bekommt und wer nicht. Wassermanagement ist für mich inzwischen genauso eine Frage der Daseinsvorsorge wie Energieversorgung.“
Die Grünen wollen deshalb im weiteren Verfahren auch wissen, wie sich der zusätzliche Bedarf konkret zusammensetzt. Wie viel Wasser wurde in den vergangenen Jahren tatsächlich in Sandelermöns gefördert? Wie entwickelt sich der Bedarf bis 2030, 2040 und 2050? Welche Mengen entfallen künftig auf Haushalte, Landwirtschaft und Wirtschaft? Und welche Möglichkeiten gibt es, zusätzlich benötigtes Wasser durch Brauchwasser, Wiederverwendung oder Wasserrückhalt bereitzustellen?
„Die Frage darf nicht nur lauten, ob wir 13 Millionen Kubikmeter fördern können?“, fasst Esser zusammen. „Viel wichtiger ist, wie wir genug Wasser für Friesland sicher? Und das auch nach dem nächsten trockenen Sommer und auch noch in 20 oder 30 Jahren? Genau darüber wollen wir jetzt reden.“